Mitte Juni wurde die fünfte Staffel des Projekts Hospiz- und Palliative Care in Seniorenwohnheimen (HPCPH) abgeschlossen. Den Seniorenwohnhäusern Elsbethen und Rauris wurde die Zertifizierung im Rahmen einer Feier übergeben und Christian Kagerer, Leiter des Seniorenwohnhauses (SWH) Nonntal, eines der ersten zertifizierten Häuser im Land Salzburg, hielt eine außerordentliche Festrede – herzlichen Dank!
Die Hospiz- und Palliativ-Akademie Salzburg bietet seit 2013 das Projekt HPCPH an. In Gruppen von zwei bis vier Seniorenwohnhäusern absolvieren Mitarbeiter:innen aus allen Bereichen eines Hauses – von der Leitung über die Pflege bis zur Reinigung –vielseitige Prozesse und einen Workshop, in dessen Mittelpunkt Palliative Care und die Hospizhaltung stehen. Seit 14 Jahren ist HPCPH fester Bestandteil des Betreuungsangebots im SWH Nonntal. Keine Selbstverständlichkeit, wie es Christian Kagerer formuliert: „Denn HPCPH ist kein Projekt mit Ablaufdatum. Es ist eine Haltung, eine Kultur, die stetig weiterentwickelt werden muss. Die Einführung in zwei weiteren Häusern ist ein Meilenstein – doch der wahre Erfolg liegt darin, dranzubleiben, neue Akzente zu setzen und das Angebot kontinuierlich auszubauen.“
Sicherheit und Vertrauen für alle Beteiligten. Mit der Bedeutung des Projekts, die allen klar ist, da fast alle Bewohner:innen die letzte Phase ihres Lebens in Seniorenwohnhäusern durchlaufen, startet Christian Kagerer. „Die wenigsten ziehen wieder aus. HPCPH soll allen Beteiligten – Bewohner:innen, Angehörigen und Mitarbeitenden – Sicherheit geben. Es geht darum, dass Menschen spüren: Hier weiß man, was zu tun ist, wenn es bei mir so weit ist.“
Der langjährige Leiter des Hauses erörterte authentisch und überzeugend die Frage, wie die nachhaltige Implementierung der Inhalte in eine Einrichtung gelingen kann. Er ist überzeugt, dass die Antwort nicht in einer einzelnen Maßnahme, sondern in einem Zusammenspiel aus Vision, Bildung, Führung und Haltung liegt. Und nahm auch die Politik in die Verantwortung.
Die Rolle der Politik. „HPCPH kann nur gelingen, wenn die Politik eine klare Vision für die palliative Versorgung in Salzburg entwickelt.“ Sie muss sicher-stellen, dass alle Angebote und Institutionen im Bereich Palliative Care zusammenwirken – und dass die Mittel dorthin fließen, wo sie gebraucht werden. Und er zitierte den Politiker Arnold Schwarzenegger, der es laut Christian Kagerer auf den Punkt brachte: „Der erste Erfolgsfaktor ist, eine Vision zu haben. Und diese muss von allen geteilt werden – nur dann entsteht eine Dynamik des Miteinanders, die Bewegung schafft.“
Es braucht Begeisterung & Ressourcen. Neben der Politik braucht es Bildungseinrichtungen wie die Hospiz- und Palliativakademie, die diese Vision aufgreifen, Konzepte entwickeln und engagiert für das Thema werben. „Begeisterte Menschen sind der Schlüssel, um immer mehr Einrichtungen zu motivieren, sich HPCPH mit Hingabe zu widmen.“ Damit sprach er auch die Verantwortlichen der Träger-Organisationen von Seniorenwohnhäusern an, die HPCPH als wichtiges Thema erkennen und vorantreiben müssen. „Denn ohne die Bereitstellung von Ressourcen – finanziell wie personell – kann HPCPH weder eingeführt noch langfristig gelebt werden.“
Führung: Sinn vermitteln und Strukturen schaffen. Er ist überzeugt, dass Führungskräfte eine besondere Verantwortung tragen: „Sie müssen die Vision weitertragen, authentisch vermitteln und bei ihren Kolleg:innen das Feuer entfachen. Doch das gelingt nur, wenn sie selbst davon überzeugt und begeistert sind.“ Christian Kagerer erzählte an dieser Stelle die Geschichte von den drei Steinmetzen: „Ein Mann kommt an eine Baustelle, auf der drei Steinmetze fleißig arbeiten. Äußerlich ist kein Unterschied zu erkennen. Er geht zum ersten und fragt: ‚Was tun Sie da?‘ Dieser schaut ihn ganz verdutzt an und sagt: ‚Ich verdiene mir hier meinen Lebensunterhalt.‘ Der Mann geht weiter und kommt zum zweiten Steinmetz. Er fragt ihn dasselbe. Dieser schaut ihn mit glänzenden Augen sichtbar stolz an und sagt:‚Ich bin der beste Steinmetz im gan-zen Land.‘ Wieder geht der Mann weiter und kommt zum dritten. Auch diesem stellt er dieselbe Frage. Dieser denkt einen kurzen Moment nach und sagt dann: ‚Ich helfe hier mit eine Kathedrale zu bauen.‘“
Er schließt daraus: „Erst wenn Menschen den Sinn erkennen, sind sie bereit, an wunderbaren Dingen kreativ mitzuarbeiten.“ Weiter muss Führung nicht nur motivieren, sondern auch Strukturen schaffen, Verantwortlichkeiten klären und HPCPH in alle Bereiche des Hauses integrieren. „Nur so wird es zur gelebten Kultur – und damit nachhaltig.“
Beziehung als Erfolgsfaktor. HPCPH darf seiner Meinung nach nie isoliert im Raum stehen, und er nimmt Bezug zu Rüdiger Bauer, der in „Kongruente Beziehungspflege“ schreibt: „Das, was wirklich wirkt, ist doch nur die Beziehung.“ „Es braucht ein klares Bekenntnis, dass der zentrale Erfolgsfaktor die Beziehung zwischen Bewohner:innen und Mitarbeitenden ist. Nur so entsteht Vertrauen, Vertrautheit − und dann vertrauen uns Menschen ihre innersten Bedürfnisse an. Nur so kann eine individuelle Begleitung gelingen.“
Die Haltung entscheidet. HPCPH ist für ihn vor allem eine Frage der Haltung. „Aus der Haltung entspringt unser Verhalten – und nicht umgekehrt“, betont Christian Kagerer auf sehr klare und ruhige Art. Er weiß, dass zu oft versucht wird, Verhalten durch Richtlinien oder Anweisungen zu steuern. „Doch der nachhaltige Weg ist, an der Haltung zu arbeiten.“
Führung ist Vorbild. Ohne aufrichtiges Interesse an den Bewohner:innen gibt es keine Betroffenheit, kein echtes Zuhören, keine Empathie. Interesse muss auf allen Ebenen vorhanden sein. „Wenn Mitarbeitende spüren, dass die Führung sich für ihre Probleme interessiert, werden sie sich auch für die Anliegen der Bewohner:innen einsetzen. Führung ist Vorbild.“
Begleitung ohne Bewertung. Christian Kagerer, Pflegefachkraft aus Leidenschaft, kommt auch auf einen der wesentlichen – um bei den Steinmetzen zu bleiben – „Bausteine“ von Begleitung zu sprechen: „Es geht nicht um unsere Werte, sondern um die der Bewohner:innen. Verstehen bedeutet, ohne Bewertung zu begleiten – auch wenn Menschen andere Wege wählen, die zu ihrem Tod führen.“ Und er verweist auf Marshall Rosenberg, den Begründer der gewaltfreien Kommunikation, der betont: Hinter jeder Handlung steckt ein Bedürfnis, das es anzuerkennen gilt.
Geduld und Durchhaltevermögen: Zeit geben. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Und das gilt auch für das Projekt und seine Wirkung. „HPCPH braucht Zeit – und Mitarbeitende brauchen Zeit. Oft sind die Wirkungen nicht sofort sichtbar. Doch wenn wir aus der richtigen Haltung heraus handeln, entstehen kleine, aber wertvolle Veränderungen.“ Er sieht diese Veränderungen auch an den Rückmeldungen von Angehörigen, die seit über 10 Jahren nach dem Ableben ihrer Lieben von einem Mitarbeiter des SWH Nonntal befragt werden. „Die Rückmeldungen sind oft überwältigend positiv – ein Zeichen dafür, dass HPCPH wirkt.“
Kritikfähigkeit und Reflexion: Lernen und wachsen. Für den Leiter des SWH Nonntal sind die Fähigkeit zur Reflexion und Kritikfähigkeit eine der wichtigsten Aufgaben von Führung, „um sich weiterzuentwickeln und neuen Herausforderungen gerecht zu werden.“ Mit diesem Wunsch, der auch eine Aufforderung war, schloss Christian Kagerer seine beeindruckende und begeisternde Rede. Er gratulierte allen, die an diesem Tag das HPCPH-Zertifikat erhalten, vor allem den Bewohner:innen und ihren Angehörigen, die am meisten davon profitieren werden. „HPCPH hat Nonntal verändert. Es hat mich verändert. Und es soll auch Sie verändern. Denn am Ende geht es nicht um ein Zertifikat, sondern um eine Haltung, die unser Handeln prägt.“
Gratulation des Seniorenwohnhäusern in Elsbethen und Rauris mit all ihren Mitarbeiter:innen!

