Ich muss ehrlich sagen, ich leb´ schon noch sehr gern!

„Zuerst habe ich mir ja unter Tageshospiz gar nichts vorstellen können. Heute, bin ich einfach dankbar“, meint Hilde Huber. Sie besucht seit fast drei Jahren das Tageshospiz Pinzgau in Leogang und erzählt von ihren Erfahrungen.

 „Als ich das erste Mal da war, hat man uns alles erklärt und ich dachte mir – ich kann mir nichts darunter vorstellen, aber ich probier´s.“ Hilde Huber wurde zum ersten Informations-Gespräch in den Lebensraum Tageshospiz Pinzgau von einer ihrer Töchter begleitet. Auf die Idee gebracht hat sie ihr Hausarzt, der nach dem Tod ihres Mannes bei ihr vorbeigeschaut hat. Auch weil Frau Hubers Leben „nicht ganz so schön ist“, wie sie sagt. „Ich hatte 2012 die Diagnose Brustkrebs, das bedeutete drei schwere Operationen und Brustentfernung. 2015 dann meine Lymphe  …“ und sie zeigt auf ihren dick angeschwollenen Arm. „Da lässt sich leider nichts machen, trotz Lymph-Drainage und Topfen auflegen“. Sie erzählt, dass sie seit damals kämpft. Schwer war bis vor drei Jahren die Zeitspanne, in der sie innerhalb von zwei Jahren ihre Schwägerin, ihren Bruder, den besten Freund ihres Gatten und ihren Mann verloren hat. „Alle an Krebs.“

Diese Zeit hat ihr viel abverlangt. besonders viel Kraft kostete es, zu erfahren, dass es für ihren Mann leider keine Heilung mehr gibt. „Und ich hab´ ihn dann mit nachhause genommen. Diese letzten elf Tage, die waren gut, aber auch schwer. Wir haben viel Hilfe bekommen, auch vom mobilen Palliativteam. Wir waren gemeinsam für ihn da und die Kinder haben ihm seinen Roman noch zu Ende vorgelesen.“

Wie gut mir das tut. Hilde ging es nach diesen vielen Schicksalsschlägen nicht gut. „Ich bin ganz tief im Keller gesessen“, wie sie es beschreibt. Obwohl sie anfangs nicht wusste, was genau ein Tageshospiz bietet und was ihr der wöchentliche Besuch bringen soll, hat sie schnell verstanden, „wie gut mir das tut“, sagt sie und strahlt. „Heute komme ich liebend gern her, ich bin so froh, dass ich aufgenommen wurde. Das sag’ ich ganz ehrlich! Sobald man anläutet, von der Tür weg wird man sehr, sehr höflich und herzlich behandelt.“

Der Tagesablauf in beiden Lebensräumen Tageshospiz im Pinzgau und in der Stadt Salzburg beginnt um 9:00 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück, darauf folgen die Visitengespräche durch die Hospizärzt:in, Pflegemaßnahmen sowie medizinische Versorgung, Beratungsgespräche und der Austausch unter den Besucher:innen begleitet von ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen aller gibt es eine Mittagsruhe der Gäste, so werden Patient:innen genannt. Am Nachmittag stehen Gemeinschaftsangebote bis 16:00 Uhr am Programm. Das Angebot ist kostenfrei, lediglich für die Verpflegung ist ein Unkostenbeitrag von zehn Euro pro Tag zu bezahlen. An- und Abreise werden organisiert und über die jeweilige Sozialversicherung verrechnet.

Ich empfinde es als Familie. Diese „trockene“ Beschreibung der Angebote, erlebt Hilde anders, wie sie betont. „Mittlerweile ist es so, dass wir da im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau so zusammen gewachsen sind … es ist schon lange nicht mehr ‚nur‘ das Angebot einer Organisation. Ich empfinde es als Familie. So was kann man nicht bezahlen“, sagt Hilde sichtlich berührt.

Als Besucher:in im Lebensraum Tageshospiz kommt man an fixen Tagen z. B. am Montag. So entstehen die „Montags-Runden“, man kennt sich tauscht sich aus und es entwickelt sich die Dynamik einer Selbsthilfegruppe. Oder „Familie“, wie es Hilde nennt. „Es ist so schön, einer hilft dem anderen, Du fragst die anderen wie es geht, man tauscht sich aus . . das gemeinsame Frühstücken, das gemeinsame Mittagessen. Du hast die Ärztin, den Doktor, die kümmern sich immer um Dich, haben Zeit für Gespräche. Und die sehen einfach alles! Egal, wer bei Dir vorbeigeht, sofort wird nachgefragt ‚Passt alles?‘“

 Freude und Entlastung. Auch Hildes Töchter freuen sich, dass sie sich für den Lebensraum Tageshospiz Pinzgau entschieden hat. Sie freuen sich für die Mutter und auch über die große Entlastung. „Sie finden es voll gut, dass ich hierherkomme und meinen, dass ich wieder ein ganz anderer Mensch geworden bin. Denn es ging mir nach dem Tod meines Gatten wirklich nicht gut. Ich hab´ mich traurig, depressiv gefühlt, eben im Keller.“

Hilde hat mit Informationen des Teams im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau und ihren Töchtern auch eine Patientenverfügung gemacht und kann „da auch ganz offen darüber reden“. Beide Töchter unterstützen sie sehr und sie will ja auch noch leben, betont sie. Dass sie leben will und weiter dafür kämpft, hat auch mit dem Tageshospiz zu tun, meint Hilde. „Ich kämpfe. Und ich kämpfe nicht alleine, weil ich habe den Rückhalt vom Tageshospiz.“

Ich kann das beurteilen. Das Wort Hospiz wird immer auch mit Tod und Sterben in Verbindung gebracht. Auch als Besucher:in des Lebensraum Tageshospiz Pinzgau ist man mit solchen Aussagen konfrontiert, wie Hilde erzählt. „Jemand hat mal gesagt, dass das Wort Hospiz schon ein Todesurteil ist und ich meinte: Nein, das kann man so nicht sagen, weil man geht ja doch fröhlicher heim, als man gekommen ist! Wenn ich heut’ um 16:00 Uhr das Haus verlasse, dann weiß ich, dass ich gut betreut worden bin. Weiß ich, dass ein guter Zusammenhalt da ist und ein jeder Dir weiterhilft, wie es eben geht. Und das ist ein Riesenfortschritt. Und ich kann das beurteilen, denn ich weiß auch, wie bitter das Leben sein kann.“

So benötigte Hilde, neben der Behandlung ihrer Krebserkrankung, ein neues Kniegelenk. Nach der OP gab es Probleme und sie musste noch zwei Mal operiert werden. Während dieser fünf Wochen Krankenhausaufenthalt und den drei mühsamen Monaten danach wurde sie sowohl vom mobilen Palliativteam wie auch von Mitarbeiter:innen des Lebensraum
Tageshospiz Pinzgau besucht.

Auch braucht Hilde seit Jahren Chemo-Behandlungen. Derzeit „absolviert“ sie den achten Chemo-Zyklus, als wir das Interview führen, waren das bisher 98 Chemo-Behandlungen. „Nach der Chemo geht es mir drei Tage lang sehr schlecht. Doch auch da hilft man mir hier. Vor und nach der Chemo.“ Hilde wird im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau Blut abgenommen und die Werte werden am Tag vor ihrer Chemo-Behandlung nach Salzburg geschickt. Sie erspart sich drei Stunden Warten in der SALK in Salzburg. „So komm´ ich früher heim. Das ist gut, denn nach der Chemo ist mir manchmal zum Weinen und ich bin total fertig.“

Wir leben – wir lachen. Hilde kämpft seit Jahren um ihr Leben und es wird ihr immer bewusster, wie sehr sie die Gemeinschaft des Lebensraum Tageshospiz Pinzgau unterstützt, „weil Hilfe einfach immer da ist. Du hast immer wen um Dich. Es sind ja nicht ‚nur‘ die Mitarbeiter:innen und Ehrenamtlichen, es sind auch die anderen Besucher:innen. Wir haben richtig gute Gespräche und dann ist es auch wieder zum Lachen, das gehört auch dazu!“, ist sie überzeugt. Viele Menschen denken nicht an Lachen, wenn sie das Wort Hospiz hören. „Es glaubt keiner, aber es ist so, im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau wird gelacht, denn das gehört zum Leben dazu. Und wir leben!“ Sie betont auch, dass jede:r das eigene „Packerl“ zu tragen hat und jede:r auf eigene Art. „Und da tut es gut, wenn man Mal einen Spaß haben kann, lachen. Das ist mein Leben im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau und es ist sehr schön.“

Ich lebe schon noch sehr gerne. „Und ich muss ehrlich sagen, ich leb’ schon noch sehr gern! Ich werde in der Früh munter und sage: Danke Lieber Gott, dass Du mir beistehst und dass ich noch immer die Augen aufmachen darf.“

Besucher:innen des Lebensraum Tageshospiz Pinzgau sind schwer kranke Menschen und keiner kann genau sagen, wann es zu Ende ist. Auch das erlebt Hilde und sagt ganz offen, dass das natürlich belastend ist. „In den letzten drei Jahren sind elf Menschen verstorben. Das tut schon weh.“

Umso bewusster wird oft das Leben gelebt, jeder einzelne Tag. Und so werden auch Geburtstage gefeiert! Hilde erinnert sich an den Geburtstag eines Besuchers: „Es war so schön, mit Kerzen und allem Drum und Dran und wir haben so gelacht und auf ihn angestoßen. Und dann konnte er nicht mehr kommen und ist kurz danach verstorben. Er war so ein lieber Mensch!“ Sie lächelt, wenn sie von ihm erzählt. Ja, im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau wird gelebt, bis zuletzt. Und man erinnert sich, gedenkt derer, die „voraus“ gegangen sind.

Herzensmenschen, die stehen bleiben. Je bewusster einem die Dynamik des Lebens ist, umso mehr registriert man offensichtlich, wenn Menschen Zeit haben, innehalten und bei einem stehen bleiben. Einem beistehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Hilde Huber wiederholt immer wieder, wie besonders das im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau ist. „Die Hospiz-Begleiter:innen die bleiben stehen, fragen wie es dir geht. Denen entgeht nichts! Ja, sie stehen dir bei – das hat man sonst nicht. Das ist ein großes Geschenk.“ Und sie kommt ins Schwärmen und meint: „Das sind Herzensmenschen, wenn ich könnte gäbe ich ihnen allen Flügel wie einem Engel.“

Ich würde es jedem empfehlen. Während des Gesprächs wird auch klar, dass sich hier einfach zwei Frauen unterhalten. Niemand wird auf eine Rolle oder Krankheit reduziert, beide sitzen hier und sprechen von Mensch zu Mensch. Das spiegelt auch die Haltung, die die Hospiz- und Palliative Care-Bewegung trägt, die von Cicerly Saunders begründet wurde. Die Engländerin sagte: „Du bist wichtig, weil du Du bist.“ Das versucht das Lebensraum Tageshospiz Pinzgau zu leben und das wird von vielen auch so wahrgenommen. Auch von Hilde, die meint: „Der Lebensraum Tageshospiz Pinzgau ist etwas Besonderes, das trau´ ich mir sagen. Es ist ein gutes Werk.“

Sie würde es auch jedem empfehlen. „Man soll sich trauen, es ausprobieren und nicht sagen so wie ich am Anfang das kann ich mir nicht vorstellen.“Denn aus dem Probieren werden bei ihr demnächst drei Jahre. „Und ich bin überglücklich hier zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass ich nach meinen Schicksalsschlägen der letzten Jahre wieder rauskomme aus dem Keller und noch einmal so zufrieden werde. Ich kann mich nur wiederholen, ich bin froh, hier gelandet zu sein. Der Lebensraum Tageshospiz Pinzgau war meine Rettung.“

Und da fällt ihr ein, dass ihre Tochter vor kurzem spontan im Lebensraum Tageshospiz Pinzgau vorbeigeschaut hat, um dem Team einen Blumen-Strauss zu bringen, einfach so.  „Denn so wie man hineinruft, so kommt es zurück. Das Echo ist so“, sagt Hilde.

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