In einem schmalen, inhaltlich aber gewichtigen Band zeigt der an der Universität Salzburg lehrende Religionspädagoge und Erziehungswissenschaftler Anton A. Bucher, wie sehr unser aller Wohlergehen auf Zugehörigkeit gründet. Es sind, wie er anhand zahlreicher empirischer Befunde und auch persönlicher Erfahrung eindrucksvoll darlegt, vor allem drei Aspekte, die unser Dasein positiv beeinflussen: die Verbundenheit mit der Natur, verlässliche soziale Beziehungen und eine transzendentale Ausrichtung.

Ausgehend von der gleichermaßen aktuell vorherrschenden wie auch alten Weltsicht, dass „alles mit allem verbunden ist“, zeigt Bucher, wie Körper und Geist davon profitieren, wenn es gelingt, den drei genannten Sphären positiv verbunden zu sein.

Zunächst wendet sich der Autor dem Thema Natur zu, macht unter anderem darauf aufmerksam, dass ca. 350.000 Generationen vor uns mit ihr aufs engste verbunden, ja, ihr ausgesetzt waren. Auch erklärt er, wie Naturverbundenheit gemessen und wodurch sie begünstigt wird. Glücksgefühle, Gesundheit und Genesungsprozesse, geistige Fähigkeiten, Kreativität und das Selbstwertgefühl werden, wie zahlreiche Studien zeigen, durch Nähe zur Natur entscheidend begünstigt. 
Bucher hält immer wieder auch erhellende An- und Einsichten bereit. 

So etwa hielt Friedrich Nietzsche – selbst ein großer Wanderer – „das Sitzfleisch für eine Sünde wider den heiligen Geist“ und alleine „die ergangenen Gedanken für wertvoll“ (S. 55). Wie der Autor zu Ende dieses Abschnitts betont, trägt auch eine wohlwollende, autoritative Erziehung maßgeblich zu umweltschonendem Verhalten von Kindern bei (vgl. S. 58).

Soziale Verbundenheit. Nicht weniger wichtig für ein erfülltes, gelingendes Leben ist soziale Verbundenheit, nach der wir uns alle sehnen, betont Bucher. Er diagnostiziert Einsamkeit als „jüngste globale Gesundheitspandemie“ (S. 60), unterscheidet zwischen emotionaler und sozialer Einsamkeit und macht darauf aufmerksam, wie sehr sie in den letzten Jahren zugenommen hat. Waren es in den 1970er-Jahren in der westlichen Welt zwischen zehn und 17 % der Bevölkerung, die sich einsam fühlte, so waren es 2010 rund 40 % (S. 63). Neben den viel diskutierten aktuellen Gründen für diese Entwicklung (Corona-Pandemie, Homeoffice etc.) wird auch auf die Folgen, insbesondere die massive Zunahme narzisstischer 
Störungen aufmerksam gemacht. Dies alles reduziert die Empathiefähigkeit ganz wesentlich, betont Bucher. So zählen „81 % der jüngeren US-Amerikaner*innen es zu ihren wichtigsten Lebenszielen, reich zu werden, aber nur 31 %, anderen zu helfen, wenn sie es nötig haben“ (S. 67).

Werden Menschen hingegen gefragt, was ihrem Leben am meisten Sinn gebe, so nennen die meisten an erster Stelle ihre Familie. Sie gewährleistet Zusammenhalt, stärkt und schützt durch gemeinsame Tätigkeiten und stiftet vor allem auch Identität, nicht zuletzt auch durch gemeinsam gepflegte Rituale. Beinahe ebenso wichtig ist die Verbundenheit mit Freunden, vor allem dann, wenn diese einander „vollkommen“ vertrauen. Zeitgenoss*innen haben im Durchschnitt zwischen drei und vier enge Freunde, zum erweiterten Freundeskreis zählen durchschnittlich elf Personen (S. 80). 

Freundschaft „bringt vielfältigen Nutzen. Auch die Erfüllung einer menschlichen Ursehnsucht: Glück. Mindestens einen guten Freund zu haben, hat den gleichen Glückseffekt wie die Verdoppelung des Einkommens“ (S. 83f.). Aber auch Verbundenheit mit der Menschheit als ganzer ist der/dem Einzelnen oder Gruppen möglich. Insbesondere Offenheit für neue Erfahrungen, ein liebenswürdiges Wesen, Gewissenhaftigkeit und Orientierung nach außen begünstigen diese Einstellung.

Transzendentale Bindung. In einem weiteren Kapitel erläutert Bucher zunächst die Entstehung trans-zendentaler Verbundenheit, evolutionär wie auch ideengeschichtlich. Schon sehr früh habe sich die Vorstellung „übernatürlicher Agenten“ entwickelt, die als Götter, Nymphen oder Geister strafend, fordernd, bedrohend oder kontrollierend auf das Leben der Menschen Einfluss nehmen. Diese Vorstellung ist auch heute noch wirksam: „Schon Drei- bis Vierjährige imaginieren sich Gott als anthropomorphe Gestalt, die aber mehr könne als andere Lebewesen.“ (S. 103) Spirituelle Gottesbilder zeichnen sich, dadurch aus, „dass Gott verinnerlicht und zugleich entgrenzt wird“ (S. 105). 

Wie Bucher darüber hinaus zeigt, ist transzendentale Verbundenheit wohltuend für die Psyche, stärkt die Gesundheit und soziale Beziehungen. Mit einem knappen Exkurs, in dem die Ergebnisse einer Befragung von 1.380 Studierenden an der Universität Salzburg zusammenfasst und gezeigt wird, womit sich diese besonders verbunden fühlen (auch hier lag die Verbundenheit mit dem sozialen Nahbereich unangefochten an der Spitze), sowie Überlegungen, wie eine Erziehung zur Verbundenheit von der vorgeburtlichen Zuneigung bis hin zur Adoleszenz aussehen könnte, schließt dieser empfehlenswerte Band.

Walter Spielmann

Anton A. Bucher: Verbundenheit. 
Über eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse.
Salzburg, Waxmann Verlag, 2022 | 144 Seiten
ISBN 978-3-809-4492-8
Preis: 24 Euro

Bild: © AdobeStock_327632887